Zeigarnik™s schlaflose Nächte: Wie unerledigte Aufgaben am Ende der Woche den Schlaf von Mitarbeitern durch Grübeln beeinträchtigen

Tim Feige Studie des Monats 0 Comments

Christine Syrek | Oliver Weigelt | Corinna Peifer | Conny Antoni
Ein Nachmittag im Café

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sitzen mit Ihrer Familie bei sommerlichen Temperaturen in einem Café und alle bestellen ihren Lieblingseisbecher und ein Getränk. Sie beobachten, dass der Kellner, der es nicht einmal für nötig gehalten hatte, sich ein paar Notizen zu machen, nun die Bestellung des Nachbartisches entgegennimmt. „Na das kann ja heiter werden“, denken Sie bei sich. 15 Minuten später serviert der Kellner wie bestellt einen Banana Split, einen Eierlikör-Pistazie, einmal Mickey Maus und einen kleinen Schokoladeneisbecher, dazu einen Pott Kaffee, einen Latte macchiato, eine heiße weiße Schokolade mit („bitte viel“) Sahne und einen KiBa.

Sie staunen nicht schlecht. „Wie hat sich der Kellner all das merken können?“

Psychologen beantworten diese Frage mit dem sogenannten Zeigarnik-Effekt, benannt nach der litauischen Psychologin Bluma Zeigarnik. Sie konnte in einer Reihe psychologischer Experimente zeigen, dass Inhalte unvollendeter geistiger Aufgaben zu automatischen intrusiven Gedanken führen und leichter erinnert werden können, als vollendete.
In unserem Beispiel ist Ihre Bestellung eine unvollendete Aufgabe für den Kellner und entsprechend erinnert er deren Bestandteile solange sehr genau, bis er sie Ihnen serviert hat.

Wir haben also einen automatischen Drang, begonnene Aufgaben vollenden zu wollen. Dementsprechend richten wir alle psychischen Prozesse wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Gedanken auf die Erreichung unseres aktuellen Ziels.

Der Kellner aus unserem Beispiel hat am Ende des Tages alle Bestellungen serviert und konnte damit jeden Zeigarnik-Effekt auflösen. Insbesondere in der Wissensarbeit arbeiten Mitarbeiter jedoch an verschiedenen Projekten parallel und stehen vor komplexen To-Do-Listen. Die Folge: Sie haben am Ende eines Tages längst nicht jede Aufgabe abhaken können – der Zeigarnik Effekt bleibt bestehen.

Die Studie

Christine Syrek, Oliver Weigelt, Corinna Peifer und Conny Antoni von den Universitäten Trier, Bochum und Hagen untersuchten in einer kürzlich im Journal of Occupational Health Psychology veröffentlichten Studie, welche Auswirkungen unerledigte Aufgaben auf den Schlaf von Mitarbeitern haben. Unerledigte Aufgaben sind solche, die der Mitarbeiter vollenden, oder in denen er zumindest einen Fortschritt verzeichnen wollte.

Theorie

Den Autoren zufolge lösen nicht erledigte Aufgaben den Zeigarnik-Effekt aus – Mitarbeiter denken also automatisch und ungewollt häufiger an diese unerledigten Aufgaben. Diese fortwährende Konfrontation mit den unerledigten Aufgaben wiederum setze zweierlei Prozesse in Gang: Zum einen komme es zum sogenannten emotionalen Grübeln, verbunden mit Schuldgefühlen, Nervosität und einem Angriff auf den Selbstwert. Zum anderen führe der Zeigarnik-Effekt zu problemlösendem Grübeln: die Mitarbeiter versuchen Probleme von einer anderen Seite zu betrachten und Lösungen für die offenen Arbeitsaufgaben zu finden.

Die Autoren nehmen an, unerledigte Aufgaben führen durch die von ihnen ausgelösten Prozesse dazu, dass Mitarbeiter schlechter schlafen können.

Ergebnisse

Die Studie kommt zu erstaunlichen Ergebnissen:

  1. Offene Aufgaben am Ende der Woche führten zu Schlafproblemen am Wochenende.
  2. Emotionales Grübeln erklärte diesen Zusammenhang zwischen offenen Aufgaben und Schlafproblemen.
  3. Problemlösendes Grübeln war tendenziell mit weniger Schlafproblemen assoziiert.
  4. Es bestand eine Interaktion zwischen emotionalem und problemlösendem Grübeln: Der Zusammenhang zwischen starkem emotionalen Grübeln und Schlafproblemen war schwächer, wenn eine Person zusätzlich problemlösend grübelte.
  5. Bei gleicher Anzahl offener Aufgaben führte ein höheres Level offener Aufgaben über einen Zeitraum von drei Monaten zu mehr Schlafproblemen.
Praxistransfer

Die vorgestellte Studie von Syrek und Kollegen zeigt eines ganz deutlich:

Was für unseren Kellner ein hervorragend funktionaler Mechanismus ist, erweist sich für viele Menschen in der modernen Arbeitswelt als äußerst schädlich: sie bekommen ihre offenen Aufgaben nicht mehr aus dem Kopf.

Dabei werden sie immer wieder von emotional negativen Gedanken – ihrem schlechten Gewissen – eingeholt und ihr Schlaf am Wochenende ist massiv beeinträchtigt.

Welche negativen Auswirkungen Schlafdefizite auf die Leistung und Sicherheit am Arbeitsplatz haben, wurde in den vergangenen Jahrzehnten umfassend nachgewiesen. Kurz zusammengefasst: Als Unternehmer möchten Sie keine unausgeschlafenen Mitarbeiter haben.

Was kann man tun? – Einige Anregungen

  1. Wenigstens am Ende der Woche für eine möglichst abgehakte To-Do-Liste sorgen: Zerlegen Sie komplexe Aufgaben so feingliedrig wie möglich.
  2. Helfen Sie als Führungskraft Ihren Mitarbeitern die richtigen Prioritäten zu setzen. Fordern Sie das als Mitarbeiter von Ihrer Führungskraft ein.
  3. Ist die Arbeit effizient organisiert? Gibt es häufig Unterbrechungen oder andere Störeinflüsse, die Sie oder Ihre Mitarbeiter von konzentrierter Arbeit abhalten? (Das wissen Sie spätestens nach der Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen)
  4. Oft werden sich offene Aufgaben nicht vermeiden lassen. Entwickeln Sie Strategien zum Umgang mit emotionalem Grübeln: Manchmal hilft es, sich vor Augen zu halten, warum Sie mit gewissen Aufgaben nicht vorangekommen sind. Was haben Sie stattdessen getan? Was haben Sie geschafft?
Quelle

Syrek, C. J., Weigelt, O., Peifer, C., & Antoni, C. H. (2017). Zeigarnik’€™s sleepless nights: How unfinished tasks at the end of the week impair employee sleep on the weekend through rumination. Journal of occupational health psychology, 22(2), 225–238. Educational Publishing Foundation.

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